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Oliver W. Schwarzmann, Publizist & Autor

Kommentar von Oliver W. Schwarzmann, Zukunfts-Publizist und Autor


Zeigt das Maß der Steuerhinterziehung den Grad politischen Versagens? Oder: Was ist los in Deutschland? - Der Schwarzmann-Kommentar


NEWS-EINTRAG vom 19.02.10 - 10:37 Uhr:

 

Streit um Steuer-CD, Debatte um Hartz IV und mehr Armut: Was ist los in Deutschland?
Die Antwort ist bekannt: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Während laut DIW in 2008 jeder Siebte an der Armutsgrenze lebte oder arm war, wuchs zeitgleich die Anzahl der Millionäre. Warum hält der Staat diese Entwicklung nicht auf?


 

 

 

 

Die Antwort ist eigentlich auch bekannt, aber wenig populär: Der Staat kann diese Entwicklung in einem freien, kapitalistisch orientierten Wirtschaftssystem letztlich nicht aufhalten. Denn sie basiert auf zwei wesentlichen Aspekten: Die strukturelle Unterschiedlichkeit ökonomischer Potenziale, wie Rohstoffe, Arbeitskräfte, Absatzmärkte, und das Geschick, mit diesen Unterschieden umzugehen. Letzteres gilt vor allem für Unternehmen und Personen, also für Investoren und Konsumenten. So würde auch bei einer Stunde Null, in der jedem Bürger die gleiche Menge Geld zur Verfügung stünde, sich früher oder später eine Umverteilung des Kapitals in Gang setzen. Schuld sind hierfür allerdings nicht die Rahmenbedingungen: Die Struktur der unterschiedlichen ökonomischen Potenziale bildet lediglich die Grundlage für eine wirtschaftliche Entwicklung, deren Form wird jedoch durch das Verhalten der Menschen bestimmt. So werden einige Bürger die bei Stunde Null gleich verteilten Mittel in den Konsum stecken, während andere investieren, um gute Geschäfte machen zu können, indem sie beispielsweise attraktive Waren auf den Markt bringen. Da solche Investitionen das in unserem Beispiel zur Verfügung gestellte Kapitalvolumen zumeist übersteigen, kommen die Banken ins Spiel, die die entsprechenden Kredite zur Verfügung stellen. Das hierfür notwendige Geld erhalten die Finanzinstitute von denjenigen Bürgern, die einen Anteil ihres vorhandenen Kapitals bei ihnen angelegt haben. Die Zinskosten, die die Investoren für ihre Darlehen an die Banken zahlen müssen, rechnen diese wiederum auf die Preise ihrer Produkte an.
Da Investitionen auch mit Risiken behaftet sind, kommt es zur Auslese: Dabei setzen sich diejenigen Investoren beziehungsweise Unternehmer durch, die höheres Geschick bei ihren Investments beweisen, also die besseren Geschäfte machen, weil sie beispielsweise attraktivere Fabrikate als andere auf dem Markt platziert haben. Diese erfolgreichen Geschäftsleute investieren weiter, expandieren und stellen zunehmend neue und verbesserte Waren für den Konsum her, die die Verbraucher locken und veranlassen, mehr einzukaufen.

Auch bei den Konsumenten kommt es zur Auslese: Diejenigen, die fähig sind, ihre Arbeitskraft optimal zu vermarkten, erwirtschaften zusätzliche Mittel, die sie ausgeben können. Auf diese Weise kommt es zu einem sich kumulierenden Zusammenspiel zwischen Investitionen und Konsum, das den (klugen) Investor tendenziell begünstigt: Seine Geldausgaben sind darauf angelegt, das Kapital zu vermehren, während der Kunde die Waren, die er konsumiert, verbraucht oder anderweitig, aber immer zinslos beziehungsweise renditefrei nutzt. Dieses ökonomische Bild finden wir bereits in den antiken Wirtschaftsgesellschaften: Die Händler waren in aller Regel reicher als ihre Kunden, außer denen, die wiederum selbst als Händler agierten.

In der Kapitalismustheorie sind die Chancen aller am Wirtschaftsprozess Beteiligten gleich, der Erfolg hängt in dieser Denkweise an Fähigkeit und Leistungswillen des Individuums. Da Motivation und Kompetenz bei jedem Einzelnen unterschiedlich ausgeprägt sind, verschiebt und differenziert sich das System sehr schnell. Dieser Prozess nahm seinen Anfang schon in der Geschichte: Reiche Mitbürger entstammen entweder dem Adel, der sich das Kapital meistens angeeignet hat, oder es sind Nachkommen von Industriellen. Auch heute gibt es Belege für diese Systemverschiebung: Die Selbstständigkeitsquote liegt in Deutschland bei rd. 8% (ohne Landwirtschaft). Der Rest – 92% der Erwerbstätigen - sind abhängig beschäftigt. Und: Mit nicht-selbstständiger Arbeit reich zu werden, ist eine absolute Ausnahme.

Das Dilemma der Wirtschaftsentwicklung in den letzten Jahrzehnten lag zudem darin, dass immer mehr Investitionen direkt in den Finanzmarkt flossen – Geld wurde in Geld angelegt und diente nicht mehr ausschließlich dazu, das Unternehmen zukunftsweisend weiterzuentwickeln. Das Kapital war nicht mehr Medium, sondern selbst zum Produkt geworden. Unternehmen wurden zugleich von Rationalisierungswellen heimgesucht und das hierüber ersparte Geld wurde wiederum zum Finanzmarkt transferiert, weil die Gewinnaussichten dort besser waren als am eigenen Markt. Die mit diesem Verhalten verknüpften Renditeerwartungen zwangen die Wirtschaft zu einem immer schnelleren, effizienteren und gewinnmaximierten Wachstum. Denn irgendwo her musste die Verzinsung ja kommen. Diese Investitionshaltung führt zwangsläufig zu Kostendruck und Ausbeute von Rohstoffen, überdies verursacht und verschärft sie ökonomische Ungleichheiten. Das Gleiche passiert, wenn Konsumenten Tiefstpreise im Handel fordern und zugleich Superrenditen an den Finanzmärkten erwarten. In Folge waren viele Unternehmensgewinne in den letzten Jahrzehnten reine Buchgewinne, also das Ergebnis von Kostensenkungsprogrammen und Bewertungsmanövern, nicht aber das Resultat echten Wachstums. Nicht nur das: Die hohen Investitionen an den Finanzmärkten und die durch Gewinnversprechen der Unternehmen gepushten Aktienkurse stellten keine Form realer Produktivität dar. So verwandelte sich der Wirtschaftskosmos in eine Papierwelt: Während sich in den letzten dreißig Jahren die Gütermenge vervierfachte, hat sich die Geldmenge verfünfzigfacht.

Nun, gedruckte Versprechen mögen wie Wundertüten aussehen, sind aber keine produktiven Füllhörner. Jedes dieser virtuellen Versprechen muss früher oder später real, sprich durch Substanz wie Eigenkapital oder per tatsächlicher Produktivität wie strukturelles Wachstum, eingelöst werden. Eine Zeit lang ist es möglich, Ansprüche an die Produktivitätssteigerung mittels des Einsatzes von Effektivitätstechnologien zu kompensieren. Doch es kommt der Punkt, an welchem die Dynamik des Fortschritts es nicht mehr vermag, die Diskrepanz zwischen Kosten- und Renditeansprüchen auszugleichen. Das führt in Krisen, wie wir nunmehr eine davon in schwerer Form erleben.

Natürlich ist es in einem sich kumulierenden System notwendig, dass Ausgleichsbewegungen stattfinden. Unbegrenztes Wachstum gibt es nicht. Ein prosperierender Wirtschaftskosmos wird daher immer seine eigenen Krisen zur Selbstreinigung erzeugen müssen – je größer die Spekulationsblasen, desto größer die Krise. Kontraproduktiv sind dabei Subventionen, die Märkte am Leben halten, die der ökonomischen Selektion eigentlich zum Opfer fallen müssten. Zudem erzeugen Subventionen Scheinmärkte, weil sie durch politisches Betreiben gedeihen und nicht auf marktseitiger Intention basieren.

Entscheidend ist bei diesen Betrachtungen die Erkenntnis, dass nicht ein System, sondern die Menschen selbst für die beschriebenen Entwicklungen verantwortlich sind. Wollen wir also die Wirtschaftswelt verändern, müssen wir uns verändern. Soll die ökonomische Zukunft eine gerechtere sein, liegt es an uns, neue Wachstumsideologien zu entwerfen. Sie sind der Ausgangspunkt, um die Spannung zwischen Kosten und Ertrag abzubauen sowie Investitionen und Konsum in einen produktiven und lebensqualitätssteigernden Zusammenhang zu stellen. Glücklichsein und gute Versorgung gehören zusammen, für jeden. Hierfür ist aber nicht der Staat, sondern die Wirtschaft geschaffen.

 

 

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