Zum Prozess der gegenseitigen Anerkennung gehört stets die paradoxe Mischung aus Anderssein und Zusammensein. Geschwister muten sich ohne Rücksicht mit allen ihren Persönlichkeitsfacetten zu. In einer Welt, die aus lauter verinselten Teilbereichen besteht, in die man meist nur Teilaspekte seiner Persönlichkeit einbringen darf und kann, ist es etwas besonderes, sich mit seiner Persönlichkeit zumuten zu dürfen und zumuten zu können. Im Geschwisterverhältnis ist jedes Kind gezwungen, wenn es die anderen für etwas braucht, sie zu gewinnen und die Interessen mit ihnen auszuhandeln. Während die Kinder sonst oft inte!
ressenbezogen die Verhältnisse aufsuchen, die zu ihrem jeweiligen Interesse passen.
Aus den gemeinsamen Erfahrungen und dem gemeinsamen erworbenen Wissen entsteht eine persönliche Geschichte, die im Laufe der Jahre immer wieder Bezugspunkt wird. Dabei sind die Geschichten der Geschwister nicht identisch. In einer Familie erlebt jedes Kind das Leben anders, verhält sich anders zu den Eltern und schafft eine individuelle und andersartige Umgebung für sich und die anderen. Trotzdem entsteht so etwas wie Familienethos und gemeinsame Erinnerungen, die jenseits aller individuellen Erfahrungen gemeinsamer Boden geschwisterlichen Erlebens bleiben.
Mit Geschwistern zu leben ist ein Leben zwischen Himmel und Hölle, zwischen Unglück und Glück. Ein Pendeln zwischen akuten Krisen und wertvollen, erfüllenden Momenten. Idealisierung der Geschwisterbeziehung und Verleugnung der Komplexität sind wenig hilfreich und werden dem komplexen Erleben der Kinder nicht gerecht. Elterliches Bemühen, negative Gefühle und Spannungen aus der Welt der Geschwister mit Argumenten oder durch Strafe auszuradieren oder zu verbannen, führen nicht weiter. Sie haben eher einen gegenteiligen Effekt. Unterdrückte Gefühle bahnen sich dann unterirdisch ihren Weg und treffen irgendwann doch wieder auf das Geschwisterkind. Wenn man Geschwisterkindern etwas im Umgang miteinander raten möchte, kommen ausschließlich Empfehlungen mit scheinbar widersprüchlichen Botschaften zum Vorschein, die in Ihrer scheinbaren Unvereinbarkeit Teil einer Münze sind: „Haltet zusammen aber verkriecht euch nicht vor der Welt! Seid euch ähnlich, aber unterscheidet euch voneinan!
der! Spielt und arbeitet miteinander, aber macht euch nicht voneinander abhängig. Bringt Anregungen, Ideen und Impulse in die Geschwistergruppe, aber werdet nicht rücksichtslos! Seid offen und wertschätzend im Umgang mit euren Geschwistern, aber vertretet euren Standpunkt! Messt euch ruhig miteinander, aber dominiert die anderen nicht! Zeigt eure Größe, aber macht die anderen nicht klein. Seid treu und solidarisch miteinander, aber setzt ruhig auch mal eure Interessen durch. Setzt eure Möglichkeiten ein, aber nutzt die anderen nicht aus!“ Welch ein Schatz an hoch verdichtetem Erfahrungswissen, der sich in diesen Botschaften mittransportiert! Ein solches Erfahrungsfundament und die damit verbundene Erarbeitung sensibler Wahrnehmung sind für das weitere Leben unbezahlbar.
- Geschwisterkinder leben über viele Jahre existentiell verbunden in großer Nähe und räumlicher Dichte.
- Sie sind, wie die Eltern, für immer ein Teil voneinander.
- Sie erfahren und verinnerlichen dieselben Familienregeln, Normen, Mythen und Rituale
- Geschwister sind die vertrautesten Verwandten.
- Geschwister haben intime Kenntnis voneinander.
- Oftmals haben sie eine gemeinsame Sprache, Codes, Symbole.
- Sie haben einen schnellen Wissens- und Gefühlsaustausch, sie verstehen und verständigen sich buchstäblich ohne Worte, quasi blind.
- Oftmals gibt es gemeinsam gehütete Familiengeheimnisse.
- Sie haben gemeinsame Erinnerungen, die verbinden.
- Selbstdefinition und Identitätsfindung, Ausdifferenzierung von Persönlichkeit und Geschlechterrollen ereignet sich in der Auseinandersetzung mit den Geschwistern.
- In Familien mit hoher Mobilität bleibt das Miteinander der Geschwister konstant.
- Geschwister suchen sich im Alter und geben sich oftmals noch einmal Halt.
Joachim Armbrust
Streit unter Geschwistern
So lösen Eltern erfolgreich Konflikte
128 Seiten
Paperback
16 x 21 cm
ISBN 978-3-332-01937-7
Platzierung Elternratgeber
WGS 1 484
Februar 2007
* Detaillierte Analyse von Geschwisterkonflikten
* Anschauliche Darstellung der Schlichtungswege - praktische Hilfe für Eltern
* Mit zahlreichen Fallbeispielen