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Wirtschaft / Gewerbe
Keine Fusionswelle mehr bei den gesetzlichen Krankenkassen
Trotz der Zielgrößen von 30, 40 oder 50 Kassen läuft das Thema Kassenfusionen aus den unterschiedlichsten Gründen aus
NEWS-EINTRAG
vom 27.05.11 - 16:56 Uhr:
Zur Jahresmitte 2011 wird es in Deutschland noch 154 gesetzliche Krankenkassen für rd. 72 Millionen Versicherte geben. Zum Jahresbeginn 2010 waren es 169. Damit dürften die Stimmen langsam verstummen, die von einer rasch heraufziehenden Fusionswelle mit dem Ziel von nur mehr 30, 40 oder 50 Kassen sprachen. Dabei wird auch eine Entwicklung angekündigt, die es in dieser Form gar nicht (mehr) geben kann.
In 2011/2012 dürften noch einige wenige „Nachbrenner“ von bereits in vorangegangenen Jahren begonnenen Fusionsgesprächen ihre Wirkung entfalten. Dies gilt insbesondere für einige wenige Betriebskrankenkassen (BKKen), die von größeren Partner übernommen werden bzw. von ihrem Verwaltungsrat oder der Aufsicht (BVA und weitere 40 Instanzen) z.B. aus finanziellen Gründen „vom Markt genommen werden“.
Daneben wird es bei den Innungskrankenkassen (IKK) durch die Übernahme der angeschlagenen Vereinigten IKK durch die IKK classic noch zu einer „Elefantenhochzeit“ kommen. Was aus den neun Landwirtschaftskrankenkassen (LKK) wird bleibt noch abzuwarten. Hier könnete es mittelfristig auch zu nur mehr zwei oder drei „Verbünden“ kommen. Was die Anzahl der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) angeht wird ebenfalls immer wieder spekuliert. Problem bleibt: Was machen bundesländerübergreifende Fusionen wirklich besser?
Betrachtet man zahlreiche Fusionen - auch bei der beschlossenen Schließung einer Betriebskrankenkasse sowie der Diskussion über die Schließung von weiteren 2 oder 3 BKKen - etwas genauer, so fällt auf: Das Aufgehen in einer größeren Kasse bzw. die Schließung waren immer seit 5, 6 oder 7 Jahren absehbar. Wie in der übrigen Wirtschaft auch ziehen Konkurse oder Unternehmensschließungen nicht von heute auf morgen herauf, sondern sind regelmäßig das Ergebnis langanhaltender zu geringer Sorgfalt und Kompetenz in der Unternehmensführung.
Zum Jahresanfang 2012 wird die bislang „magische Grenze“ von 150 Krankenkassen fallen, aber vor der nächsten Bundestageswahl im Herbst 2013 werden es kaum noch weniger als 140 Kassen sein. Insoweit weiterhin von einer „Fusionswelle“ zu sprechen, dürfte eher abwegig sein. Vergessen wird zudem, dass innerhalb weniger Jahre vor 1997 sich die Zahl halbiert hat.
Betrachtet man das Umfeld für die immer wieder genannten Zielgrößen 30, 40 oder 50 Kassen genauer, so fällt auf, dass im Markt tatsächlich nur 64 gesetzliche Krankenkassen mehr als 50.000 Mitglieder haben. Von 119 BKKen sind zudem rd. 30% nicht allgemein zugänglich, d.h. ihre Mitglieder dürften sich nahezu ausschließlich aus Firmen- und deren Familienangehörigen rekrutieren. Effektiv marktrelevant sind diese Kassen kaum bzw. überhaupt nicht (fast alle bis auf fünf Kassen haben weniger als 20.000 Mitglieder, 25 Kassen sogar weniger als 10.000 Mitglieder). Von den 90 kleineren Kassen mit weniger als 50.000 Mitgliedern sind konkret 32 traditionelle BKKen.
Zieht man als Vergleich zusätzlich die private Krankenversicherung hinzu (Marktanteil etwa 11%), so zeigt sich, dass etwa 50 bekannte Anbieter - wenn auch mit Konzernstrukturen teilweise verknüpft - aktiv am Markt tätig sind. Der Umfang der PKV-Versicherten ist dabei mit 8,9 Millionen Vollversicherten genauso groß wie die IKK- und LKK-Versicherten zusammen (beide kommen aktuell nur auf zusammen 16 Kassen). Anders ausgedrückt: Sie erreichen nur zwei Drittel des Umfangs aller BKK-Versicherten (über 13 Millionen). Die Anzahl der PKV-Unternehmen - außerhalb des Verbandes gibt es nochmals mehrere Dutzend - zu reduzieren, ist in der öffentlichen Diskussion bekanntermaßen noch kein Thema.